„Identität“ bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch eine Übereinstimmung, Gleichheit oder Wesenseinheit. Identitäten n Individuen stellen deren mehr oder minder bewußte und subjektive Selbst-Zuordnung zu einer sozialen Gruppe dar , für die spezifische Merkmale in bestimmten Situationen herangezogen werden. Identität ist deshalb insgesamt „eine Sache n Wissen, Bewußtsein und Reflexion“. Sie stellt gemeinschaftsbildende Grundüberzeugungen bereit – und ist also das Bewußtsein sozialer Zugehörigkeit. In die Mitgliedschaft einer sozialen Gruppe werden dabei bestimmte Individuen einbezogen – und damit andere zugleich ausgeschlossen. Die Konstruktion n Identität geht – aufgrund dieses Wechselspiels n Einbeziehung (Inklusion) und Ausschließung (Exklusion) – stets mit dem Aufbau n Alteritäten einher. Identitätsbildung funktioniert also durch Abgrenzung. „Die Anderen“ werden dabei tendenziell als zweitrangig betrachtet.
Individuen gewinnen ihre jeweilige Identität nicht aus sich selbst heraus. Sie erlangen sie nur über die Gruppe, indem sie an deren Wechselbeziehungen (Interaktion und Kommunikation) teilhaben. Die kollektive Identität wiederum existiert nur durch die sie tragenden Gruppenmitglieder. Identitäten ergeben sich daher aus dem Wechselspiel n Ich- und Wir-Identität, d. h. aus der Identität des Einzelnen und derjenigen der Gruppe. Deshalb sind sie stets soziale Identitäten. Alle gesellschaftlichen Gruppen lassen sich als solche Identitätsgruppen verstehen – n der Familie über Altersklassen, Geschlecht, Beruf, Religion, Region bis hin zu Ethnie und modernen Nationen.
Für den Historiker und Sozialwissenschaftler sind r allem die Gruppenidentitäten relevant. Die Konstitution n Gruppen steht im Mittelpunkt des Interesses, insbesondere hinsichtlich der ethnischen Identitäten. Für die Archäologie ist dies darüber hinaus eine methodisch gebotene Einschränkung: Individuen sind als solche im archäologischen Kontext kaum zu fassen – und ihre Rolle innerhalb sozialer Gruppen ist deshalb nur schwer zu beurteilen. Da das Weltbild des einzelnen Individuums aber durch die jeweiligen Gruppenidentitäten wesentlich bestimmt wird und zugleich auf diese zurückwirkt, ist dies kein allzu gravierender Verlust an Aussagekraft.
Soziale Identitäten sind nun kein getreues Abbild gesellschaftlicher Realität, auch wenn sie selbst nichts weniger als real sind. Identitäten liegt der Anspruch bzw. der Glaube zugrunde, alle Angehörigen der betreffenden Gruppe seien in Bezug auf einige bestimmte, als signifikant angesehene Merkmale gleich. Sie sind insofern ein Instrument der Gruppendifferenzierung , denn Angehörige anderer Gruppen haben diese Merkmale – per Definition – nicht. Diese rgebliche Gleichheit der Gruppenmitglieder (d. h. die Homogenität der Gruppe) ergibt sich aus der Reflexion über den eigenen Standort und ist deshalb ein soziales Konstrukt. Die Konstrukte müssen aber an den realen Verhältnissen orientiert sein, um „glaubwürdig“ zu erscheinen. Nur dann haben sie eine Chance, zu bestehen und reale Geltung zu erlangen. In den Grundstrukturen gleichen sich soziale Identitäten, so daß sie als universal gelten dürfen. Ihre Ausprägungen sind aber n sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen abhängig und deshalb kultur- bzw. gruppenspezifisch.
Gruppenidentitäten sind, dies zeigen sowohl ethnologische Beobachtungen als auch soziologische Untersuchungen, alles andere als homogen und abgeschlossen. Sie besitzen zum einen gewissermaßen ein Identitätszentrum im Innern (einen „Traditionskern“) und eine Peripherie mit abnehmender Identität – d. h. zum Rand hin immer lockerer werdender Zuordnung. Diese „limitische Struktur“ ohne scharfe Grenzziehungen ermöglicht – unter bestimmten weiteren Bedingungen – einen relativ problemlosen Identitätswechsel zu Nachbargruppen. Zum anderen läßt sich ein „Rollenverhalten“ beobachten. Individuen greifen in unterschiedlichen Zusammenhängen bzw. Situationen auf unterschiedliche Identitäten zurück. Sie besitzen jeweils mehrere, kontexhängige, fließende und auch miteinander konkurrierende Gruppenzuordnungen – je nach den „Rollen“, die ein Einzelner in der Gesellschaft spielt. Dieses Rollenspiel llzieht sich im Wechselspiel individueller Absichten und gesellschaftlicher Zwänge. Aus diesen sozialen Rollen resultieren auch unterschiedliche Mentalitäten, die eben gruppenspezifische Vorstellungswelten, gerade auch innerhalb n Gesellschaften, bezeichnen.
„Ethnische Identitäten“ sind wie gesagt ein Sonderfall kollektiver Identitäten . Ethnische Gruppen definieren sich selbst über den Glauben an gemeinsame Herkunft und Geschichte, an gemeinsame Sitten und Bräuche, an die gemeinsam gesprochene Sprache, an das nur hier geltende Recht, an die hiesigen religiösen Vorstellungen und an die gemeinsame Abstammung. „Ethnische Identität“ ist also ein „Gemeinsamkeitsglauben“, d. h. eine subjektiv geglaubte Schematisierung. Die herangezogenen „kulturellen“ Merkmale erscheinen in dieser Perspektive nicht mehr als objektiv rgegeben, sondern als n den Gruppenmitgliedern mehr oder weniger bewußt ausgewählt. Diese ausgewählten Merkmale werden n Einzelnen oder Gruppen zielgerichtet instrumentalisiert, um (in bestimmten Situationen) soziale Grenzen zu markieren und aufrechtzuerhalten. „Ethnische Identität“ ließe sich deshalb auch als kollektives Bewußtsein der kulturell (und sprachlich) definierten Zugehörigkeit zu einer politisch und sozial bestimmten Gesellschaft bezeichnen.
Die Auswahl der als charakteristisch herausgestellten Merkmale einer ethnischen Gruppe erfolgt aber nicht willkürlich oder n den Realitäten unabhängig. Sie hängt n zwei wesentlichen Faktoren ab: 1. n existierenden kulturellen Differenzen – diese werden zur schematischen Kennzeichnung n Gruppen überhöht und damit instrumentalisiert; 2. n rhandenen sozialen und wirtschaftlichen Umständen und Interessen – diese werden durch kulturelle Merkmale verbrämt. „Ethnizität“ und „Kultur“ werden also n den sozialen Realitäten beeinflußt, auf die sie wiederum zurückwirken. Ihr relatives Eigenleben bezieht die ethnische Identität daraus, daß sie sich nur auf sehr wenige kulturelle Merkmale beruft. Die Vielzahl an Gemeinsamkeiten mit den Nachbarn wird ausgeblendet, um eine eindeutig markierte, soziale Abgrenzung zu erreichen. Jene Auswahl einiger besonderer, symbolischer Merkmale gleicht der „Erfindung n Traditionen“. Sie führt mithin zur Bildung n „imagined communities“, die rasch reale Gestalt gewinnen.
Die über kulturelle Symbole vermittelte Gemeinsamkeit stellt ein komplexes, in sich differenziertes Identitätssystem dar. Mit seiner Hilfe, d. h. durch die in den erwähnten Grenzen subjektive und willkürliche Merkmalsauswahl der Gruppe, wird die Beschreibung des Eigenen (Identität) wie des Fremden (Alterität) ideologisiert. Einzelne Elemente der Kleidung, n Sprachstilen, Bildungsstrategien und -zielen, der Umgangsformen, Kommunikationsweisen usw. werden zielgerichtet überhöht und zu grundsätzlichen „ethnischen“ Unterschieden gesteigert. Diese Auswahl ist ein schwieriger Balanceakt. Sein Erfolg hängt n der „richtigen“, d. h. einer den (sozialen und politischen) Anforderungen gerecht werdenden Merkmalsauswahl ab. Bei einer „falschen“ Auswahl steht die ethnische Identität und damit die Existenz der Gruppe auf dem Spiel. So war beispielsweise die Identität der Awaren derart auf das Khaganat fixiert, daß dessen Untergang zugleich das Verschwinden der Awaren als ethnischer Gruppe bedeutete.
Ethnische Identitäten entstehen durch historische Prozesse. Die ethnische Identität kann deshalb keine dauerhafte oder gar ewige, unveränderliche Substanz besitzen – auch wenn sie dies stets vehement behauptet. Sie vermag in entscheidenden Situationen – Krisenmomenten, Schwellenzuständen oder Über-gangsphasen – sogar rasch zu wechseln. Dies gilt besonders für Individuen, die leicht n einer Gruppe zur anderen übertreten können, wofür bestimmte Übergangsriten zur Verfügung stehen. Doch auch ganze ethnische Gruppen können ihre Identität wechseln, wie das erwähnte Beispiel der Awaren zeigt.
Ethnische Identitäten sind daher als offene dynamische Systeme anzusehen. Sie lassen sich nicht aus einem unwandelbaren Kern („Volksgeist“) heraus, sondern nur in ihren inneren und äußeren Beziehungen verstehen. Ihre Flexibilität macht es schwierig, scharfe Grenzen zu ziehen – weil eben nur wenige, jeweils spezifische Merkmale benutzt werden. Entscheidend ist vielmehr das Handeln der Gruppenmitglieder, das ihre ethnische Identität zur Realität werden läßt. Man gibt und verhält sich – in bestimmten Situationen – wie ein Franke oder ein Gote, wie ein Deutscher oder ein Franzose, d. h. wie es die eigene Gruppe und „die Anderen“ n einem erwarten.
Dabei werden mittelbar meist wirtschaftliche bzw. soziale und politische Interessen verfolgt. Ethnische Identitäten sind auf diese Weise mittelbar n den herrschenden Verhältnissen abhängig. Diese Verhältnisse ändern sich im Laufe historischer Entwicklungen, und damit verschieben sich auch die Interessenlagen. Die Veränderung dieser Interessen zieht eine Veränderung auch der Ethnizitäts-Konzepte nach sich. Auf diese Weise kann es unter Umständen zu einander überlappenden Grenzen benachbarter Ethnien und sogar zu wechselnden Zuordnungen kommen. In den Kontaktbereichen sind wahlweise, d. h. situationsabhängig wechselnde Zurechnungen möglich.
Wenn auch universale Grundstrukturen erkennbar sind, lassen sich dennoch starke Unterschiede ausmachen. Je nach Raum, Sozialstruktur, historischer Situation, kultureller Tradition usw. können sich verschiedenste Entwicklungen llziehen. Der zeitliche und räumliche Wandel führt daher zu verschiedenen Ausprägungen bzw. „Typen“ n Ethnizität. Ihre Analyse bedarf deshalb auch eines differenzierten Zugangs, der die historischen Bedingungen berücksichtigt.