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Ethnische Identitäten in der frühgeschichtlichen Archäologie

Der Versuch, archäologische Funde „ethnischen Gruppen“ zuzuordnen, ging von der frühgeschichtlichen Archäologie aus. Dieser stehen zur Einordnung ihres Fundstoffs auch schriftliche Überlieferungen zur Verfügung. Damit schien sich die Möglichkeit zu bieten, die Entwicklung der als historisch zentral angesehenen „Völker“ über die Reichweite schriftlicher Quellen hinaus zu rlängern. Die Verknüpfung mit dem nationalen Diskurs des 19. und 20. Jahrhunderts überrascht daher nicht.
Lange Zeit lautete innerhalb der frühgeschichtlichen Archäologie die Frage nicht, ob, sondern wie „archäologische Kulturen“ und „Stämme“ bzw. „ethnische Einheiten“ zur Deckung gebracht werden können. Auf diese Weise ist die Frage jedoch falsch gestellt, denn hier werden „konstati“ (quellengerechte, flexible) und „präskripti“ (sachgerechte, konstante) Definitionen der Begriffe rwechselt. Mit anderen Worten: idealtypisch angelegte Begriffe werden nicht mehr als wissenschaftliche, reinfachende Kategorisierungen, sondern als historische Realitäten rstanden. Die romantisch geprägten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts sind halbwegs unreflektiert weitergetragen worden, indem – reinfacht gesagt – Kultur, Ethnos, Sprache und Abstammungsgemeinschaft als zusammenfallende, weitgehend identische und statische Größen angesehen wurden.
Dennoch hat es – mitunter sehr eingehende – Kritik an diesen Konzepten gegeben. Führende Vertreter ihres Faches wie z. B. Ernst Wahle (1889-l981), Hans Jürgen Eggers (1906-l975) oder Rolf Hachmann sahen die „ethnische Deutung“ durchaus als wichtiges methodisches Problem. Doch trotz aller grundsätzlichen Kritik am Kossinnaschen Konzept im einzelnen kehrte man meist, gewissermaßen über einen Umweg, zu sehr ähnlichen Vorstellungen zurück. Man konnte sich nicht völlig von der Auffassung trennen, ethnische Gruppe und archäologische Kultur müßten zusammenhängen.
Wahle meinte, als bestimmendes Prinzip archäologischer Kulturen zwar nicht mehr einen „Volksgeist“, aber doch die „Lebenskraft“ eines „Volkstums“ ausmachen zu können. Hachmann bestritt mit guten Argumenten traditionelle Auffassungen zur Herkunft der Goten (aus Skandinavien oder von der Weichselmündung), identifizierte dann jedoch auf prinzipiell gleiche Weise die „masowische Gruppe“ mit den frühen Goten. Einzig Eggers sah deutlich, daß der „Kardinalfehler der ‘Methode Kossinna’ in der Fragestellung“ lag. Damit hatte er den entscheidenden methodischen Schritt zur Überwindung des „ethnischen Paradigmas“ getan. Die Fragen anders bzw. andere Fragen zu stellen, hätte diesen Gedanken konsequent fortgeführt, ohne den Anspruch auf historische Erkenntnis – wenn auch in etwas anderem Sinne – aufzugeben. Soweit rmochte allerdings auch der weitblickende Eggers nicht zu gehen: „Die Vorgeschichte würde sich als historische Wissenschaft selber aufgeben, würde sie nicht immer und immer wieder den Versuch machen, auch das Problem der ethnischen Deutung zu lösen.“ Der Charakter der Archäologie als historischer Wissenschaft steht und fällt aber nicht allein mit der Frage nach der ethnischen Interpretation.
Damit blieb die method(olog)ische Diskussion letztlich im traditionellen Interpretationsraster befangen; „Ethnien“ wurden weiterhin als zentrale Kategorie archäologischer Forschung akzeptiert, nur einzelne, mitunter allzu offensichtlich fragwürdige Zuweisungen wurden kritisiert. „Ethnien“ sollten sich – von Ausnahmen abgesehen – mit „archäologischen Kulturen“ rbinden lassen.
In Deutschland änderte sich nach der „nationalen Vorgeschichte“, d. h. nach 1945, inhaltlich kaum etwas. Man zog sich auf eine rmeintlich neutrale antiquarische Altertumskunde zurück, indem die „archäologische Kultur“ das „Volk“ ersetzte. Lediglich auf den belasteten Rassenbegriff wurde rzichtet und eine grundsätzlich zurückhaltendere Diktion rwandt.
Als klassische Paradebeispiele ethnischer Zuweisungen archäologischen Materials dürfen „Kelten“ und „Germanen“ gelten. Beide Großgruppen wurden und werden mit „archäologischen Kulturen“ gleichgesetzt, die als eisenzeitliche Kulturräume der letzten vorchristlichen Jahrhunderte in Mitteleuropa definiert worden sind: der Latène- (sowie der Hallstatt-) und der Jastorf-Kultur (und benachbarten Gruppen). Ausgangspunkt dafür sind Lokalisierungen aufgrund der antiken Ethnographie, vor allem jedoch die Orientierung am modernen philologischen Kelten- bzw. Germanen-Begriff. Das zentrale methodische Problem dieses Vorgehens ist die Frage, ob es überhaupt einen zeitlich und räumlich einzugrenzenden, interdisziplinären Kelten- bzw. Germanenbegriff geben kann : Alle beteiligten Wissenschaften – von der Philologie über die Historiographie und Archäologie bis hin zur (physischen) Anthropologie – operieren mit derselben Bezeichnung, um jeweils spezifische Kategorisierungen zu benennen. Wir haben es daher mit vier rschiedenen, jeweils quellenbedingt eingeschränkten Blickwinkeln auf die einstige Realität zu tun, was im Folgenden kurz erläutert sei.
Die antiken (griechischen und römischen) Quellen beschreiben mit ethnischen Bezeichnungen aus der Außensicht vor allem räumliche Gruppierungen – die Kelten als nordwestliche (ebenso wie die Skythen als nordöstliche) barbarische Nachbarn der mediterranen Welt, die Germanen („Keltoskythen“) als nicht-keltische Barbaren östlich des Rheins. Dabei wurden ursprünglich auf kleinere Gruppen beschränkte Namen zu großräumigen Bezeichnungen, um Ordnung in die unübersichtlichen Verhältnisse zu bringen. Es bedarf sorgfältiger Analyse, um herauszubekommen, vor welchem Hintergrund ethnische Bezeichnungen im Einzelfall gebraucht werden, was also jeweils gemeint sein kann – geographische Zuordnung oder ethnisches Selbstrständnis, aber auch religiöse Zugehörigkeit oder sozialer Status usw. Ein direkter Zugang zu einstigen ethnisch-politischen Gliederungen und ihren raschen Veränderungen ist damit nicht unmittelbar gegeben, zumal Identitäten je nach Situation wechseln können.
Die historische Philologie bemüht sich um die Rekonstruktion der Sprachentwicklung in Raum und Zeit, d. h. wie (wann und wo) „das Keltische“ und „das Germanische“ (Lautrschiebung) aus dem Indoeuropäischen hervorgingen. Auch sie konstruiert großräumige Sprachrbreitungen und muß angesichts des bruchstückhaften Materials über regionale Mundart¬differenzierungen hinweggehen. Schließlich hat es die anthropologische Forschung mit Populationen als Fortpflanzungsgemeinschaften zu tun, deren heterogene Genpools sich vor allem quantitativ unterscheiden.
Auch die Archäologie sucht nach Regelmäßigkeiten und Überein-stimmungen in der Sachkultur, was zwingend zu Typisierungen und anschließend vor allem zu räumlichen Gruppierungen führt, d. h. regionale Einheiten suggeriert. Die so definierten Kulturräume, die in chronologischer Perspekti meist recht statisch geraten (obwohl dies die entscheidende Dimension ist) , sind – entgegen dem falschen ersten Eindruck – alles andere als homogen strukturiert. Je nach Merkmalsauswahl können Ausdehnung, Zentrum und Peripherie usw. recht unterschiedlich ausfallen; die Abgrenzungen bleiben stets wechselnd und diffus. Lediglich für die ethnischen Großräume sind „ethnische Interpretationen“ archäologischen Materials relativ unproblematisch, weil damit eigentlich (z. B. keltisierte oder germanisierte) Räume kulturellen Austauschs beschrieben werden; allerdings bleiben auch hier klare Abgrenzungen zu den Nachbarräumen unsicher. In Grenzfällen und hinsichtlich der handelnden ethnisch-politischen Gruppen rsagt das ethnische Interpretationsmodell, weil nur wenige kulturelle Merkmale Besonderheiten aufweisen und nicht klar ist, welche davon möglicherweise ethnische Relevanz besaßen.
In der Gleichsetzung von „Ethnos“ und „archäologischer Kultur“ stecken aus heutiger Sicht drei schwerwiegende Irrtümer, wie jüngst Jones resümierte: 1. sind ethnische Gruppen nicht die bloße Summe materieller Gemeinsamkeiten, sondern manifestieren sich durch das Handeln ihrer Mitglieder; 2. haben sich archäologische Kulturen – trotz der ihrer Herausarbeitung zugrundeliegenden realen kulturellen Differenzen – in der Kumulation von Einzelmerkmalen als Konstrukt der Forschung herausgestellt; und 3. sind ethnische Gruppen keine homogenen und geschlossenen Einheiten, sondern leicht wandelbare Identitätsgruppen. Aus dieser Einsicht heraus bedarf es neuer Ansätze, zumal diese raltete Vorstellung den dynamischen Charakter von „Ethnien“ und „Kulturen“ übersieht.
Wenn auch die Sachkultur eine konstituti Dimension menschlichen Sozialrhaltens darstellt, ist sie zugleich vor allem historisch bestimmt. Zu rschiedenen Zeiten und in rschiedenen Räumen dürfte sich das Verhältnis von Sachkultur und Ethnizität stark unterschieden haben, so daß ein eindimensionales Modell die Realität rfehlt. Ethnische Symbole sind kulturspezifisch und können deshalb in beliebiger Weise bestimmte Elemente der Sachkultur betreffen oder darauf auch völlig rzichten. Deshalb ist „ein umfassendes Verständnis des rgangenen kulturellen Kontexts, der sich aus einer Vielfalt von Quellen und Daten ergibt, ein essentieller Bestandteil jeder Analyse von Ethnizität in der Archäologie“ – eine schon von Eggers in aller Deutlichkeit erhobene Forderung.
Die zentrale Frage lautet, was den Zeitgenossen bewußt war und für ihre ethnische Identität relevant wurde. Einige Beispiele mögen die Probleme rdeutlichen, die sich bei der Ermittlung der Zusammenhänge zwischen Sachgut und ethnischer Identität ergeben:
1. Tacitus zufolge (Germania c. 38,1-3) banden sich die Männer bei den Sueben das Haar seitwärts zu einem Knoten und unterschieden sich dadurch von anderen Germanen. Doch nur Freie durften diesen „Suebenknoten“ tragen, der vor allem soziale Identität und soziales Prestige ausdrückte. So ist es nicht überraschend, daß auch die Nachbarn am sozialen Prestige der angesehenen Sueben teilhaben wollten und sich deshalb das Haar ebenso banden. Der besagte Haarknoten wurde so von einem möglicherweise ursprünglich tatsächlich ethnischen Kennzeichen zu einem überregionalen Elitenphänomen , vor allem bei jüngeren Männern. Der Suebenname selbst wiederum bildete – so wie ihn die antiken Quellen überliefern – einen flexiblen Oberbegriff für rschiedene gentes, die sich diesem Namen gelegentlich selbst zurechneten oder von anderen diesem zugerechnet wurden. Die Sueben stellten mithin häu nur einen geographischen Begriff für Germanen jenseits des Limesvorlands dar und nicht unbedingt eine sich selbst bewußte „ethnische Einheit“.
2. Bestimmte Fibeltypen, die zunächst etwa auf den Raum zwischen oberem Rhein und oberer Donau beschränkt geblieben waren, treten um 500 auch in benachbarten Gebieten auf. Ursula Koch interpretiert dies als Beleg für die Vertreibung des unterlegenen alemannischen Adels durch die Franken, von dem auch in schriftlichen Quellen die Rede ist. Diese Interpretation erweist sich jedoch zumindest als einseitig: Die Einbeziehung des alemannischen Raums in das Frankenreich hat bei weitem nicht zum Exodus der gesamten alten Führungsschicht geführt, sondern im Gegenteil einem nicht unbeträchtlichen Teil der (loyalen) alemannischen Elite weiterhin wichtige Positionen ermöglicht. So berichtet beispielsweise Agathias (Historiae A I 6,2) von den Brüdern Leuthari und Butilin (identisch mit Buccelenus?), die – Alemannen der Abstammung nach, aber mit großem Einfluß bei den Franken – wohl als fränkische Heerführer dienten.
Voraussetzung dafür, bisherige Machtpositionen auch unter den ränderten Machtrhältnissen bewahren oder aber wiedergewinnen zu können, war es, sich „fränkisch“ zu geben, um keinen „Oppositionsrdacht“ aufkommen zu lassen. Dies hat nach der Eingliederung der Alemannen und des Thüringerreichs zu Beginn des 6. Jahrhunderts zu sozialen Ausgleichs- und Anpassungsprozessen zwischen den regionalen Eliten geführt und auf diese Weise zu einem Austausch von meist weiblichen (!) Schmuckgegenständen wie den Fibeln beigetragen. Daher rdeckt der zunächst beobachtete kulturelle „Bruch“ in Wirklichkeit soziale Kontinuitäten, denn nicht die ethnische, sondern die soziale Identität prägte den Habitus der Eliten, aber auch breiterer Schichten.
Dies erklärt den situatin Charakter ethnischer Terminologie im frühen Mittelalter : Angehörige der sozialen Elite und Heeresrbände – und nicht die Gesamtbevölkerung – werden ethnisch apostrophiert, wobei die entscheidenden Gesichtspunkte politischer und nicht kultureller Natur sind. Ein Adliger beispielsweise konnte von Geburt ein Gallier, in Königsnähe ein Franke und als Herzog ein Alemanne sein. Er „spielte“ mithin je nach Situation rschiedene Rollen in unterschiedlichen Gruppen, die zwar mit „ethnischen“ Begriffen bezeichnet wurden, aber sozial bestimmt waren.
3. In seiner typologischen Bearbeitung aller „Bügelfibeln der Merowingerzeit im westlichen Frankenreich“ geht Alexander Koch von der nicht weiter begründeten „festen Überzeugung“ aus, daß „[k]eine Fränkin ostgotische, thüringische oder langobardische Bügelfibeln getragen haben [wird], sofern sie nicht durch besondere Umstände dazu gezwungen wurde.“ Die dem zugrunde liegende Auffassung, daß sich „ethnische Identität praktisch nur durch Tracht nach außen artikuliert“ , entstammt national-romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und ist aus heutiger Sicht schon im Ansatz rfehlt. Keine zeitgenössische Quelle spricht dafür, alle Wahrscheinlichkeit dagegen.
Grabausstattungen sind, wenn man sie denn derart interpretieren will (und als Abbild der Rolle des Toten im Leben ansieht, wofür der jeweilige Beweis zu erbringen wäre), doch eher ein Spiegel des Sozialprestiges und damit der sozialen Identität von Individuen und Gruppen. Ethnische Identität ist die komplexe Vorstellung gemeinsamer Kultur und gemeinsamer Abstammung und keine objekti Merkmalskombination. A. Koch sitzt hier der Verwechslung kultureller und ethnischer Termini auf , denn die beobachteten Differenzierungen stellen unterschiedliche kulturräumliche Traditionen dar und spiegeln in ihrer zunehmenden Angleichung soziale Ausgleichsprozesse wider (Abb. 3). Aus dieser Perspekti löst sich auch der von A. Koch konstatierte, tatsächlich jedoch scheinbare Widerspruch auf, daß Germanen zwar „ihren spezifischen ethnischen Charakter auf der Ebene der Tracht gegenüber dem sie umgebenden fränkischen Milieu bewahren“ konnten, „ihre ethnische Eigenständigkeit (Identität) auf der Ebene des Rechts“ jedoch schon rloren hatten. Fibeln waren eben kein Ausdruck ethnischer Identität germanischer Frauen, sondern stehen hier für das Weiterleben kultureller Traditionen unter ränderten politischen Rahmenbedingungen.

Abb. 3. 1 - ; 2 - ; 3 - . Verbreitung merowingerzeitlicher Bügelfibeln. 1 Formengruppe Groß-Umstadt; 2 Formengruppe Nieder-Florstadt/Wiesloch; 3 Fibeln mit ähnlicher Kopfplattenbildung wie bei der Form Florstadt/Wiesloch. Für diese Formen sei A. Koch zufolge „eine direkte Verknüpfung mit den Alamannen zu
rmuten“ (nach Koch [Anm. 151] Karte 1; 541).
4. Hinsichtlich der merowingerzeitlichen Männergräber bemerkt Frank Siegmund, daß sich „die frühmittelalterlichen Ethnien in ihrer Waffenbeigabe“ „tendenziell unterscheiden“. Abgesehen von regional bevorzugten Formen gab es „bei den Franken mehr Lanzenspitzen und Axte, bei den Alamannen mehr Spathen und Saxe“ (Abb. 4). Dagegen ist zweierlei einzuwenden: Zunächst handelt es sich um regionale Unterschiede in großräumigen Siedlungs- und Kommunikationsräumen bzw. politischen Gebieten ; diese graduellen Unterschiede haben gerade nicht, soweit wir dies den schriftlichen Quellen entnehmen können, zur Bekräftigung einer alemannischen oder fränkischen Identität beigetragen. Wie wäre des Weiteren der Übergangsbereich zwischen beiden Kulturräumen zu bewerten, wenn man auf der „ethnischen Deutung“ beharrt?

Abb. 4. Häukeit rschiedener Waffenbeigaben in merowingerzeitlichen Männergräbern West-
und Südwestdeutschlands (nach Siegmund [Anm. 156] 705 Abb. 577).
Zwei andere Gesichtspunkte sind statt dessen in den Mittelpunkt zu rücken: Erstens stecken hinter diesem Bild unterschiedliche kulturelle Traditionen, die zwar mit der unterschiedlichen geographischen Herkunft und dem rschiedenen kulturellen, politischen und historischen Umfeld von Franken und Alemannen zusammenhängen , die aber nicht deren ethnische Identität bestimmten. Zweitens zeigen die gleichläuen Veränderungen im Rheinland und in Südwestdeutschland – Verschwinden der Axte und Bevorzugung des Saxes – großräumige zeitgenössische Veränderungen der Kampftechnik und damit rbundene soziale Ausgleichsprozesse an.
Gesellschaften wählen für ihre ethnische Identität nur bestimmte kulturelle Merkmale aus. Diese ausgewählten Merkmale lassen sich nur dann im archäologischen Material ausmachen, wenn sie sich einerseits im Sachgut niederschlagen und andererseits aus schriftlicher Überlieferung bekannt sind. „Archäologische Kulturen“ rsuchen, auch wenn sie wissenschaftliche Konstrukte darstellen, in einem umfassenderen Sinn Kulturräume zu beschreiben; damit liegen sie aus methodologischer Sicht auf einer anderen Ebene als die „ethnische Identität“, auch wenn beides u. U. zusammenfallen mag. Aufgrund der Spezifik ihrer Quellen besitzt die Archäologie ein eigenes historisches Arbeitsfeld. Ihr Methodenrepertoire muß auf jene Aussage-möglichkeiten ausgerichtet werden, die diesen Quellen und deren Aussagemöglichkeiten adäquat sind.
Die „ethnische Deutung“ ist nur eine unter vielen Möglichkeiten, die Verbreitung von Sachkulturelementen zu interpretieren. Kartierungen von Funden und Befunden bilden ehemalige Kommunikationsbeziehungen ab und erfassen daher (dynamische) Wirtschafts- und Verkehrsräume, Heiratskreise, Kulturräume und Werkstattkreise, Sepulkralgebiete und Technikbereiche. Grabausstattungen und mitunter Hortfunde sowie Kultstätten geben Aufschluß über Sozialstrukturen und religiöse Vorstellungswelten, Siedlungsbefunde dienen der Analyse des alltäglichen Lebens. Räumliche und zeitliche Entwicklungen lassen sich auf diese Weise oft detailliert beschreiben.
Daher stehen im Zentrum des archäologischen Interesses vor allem strukturgeschichtliche Prozesse der longue durée . Die Verknüpfung der längerfristigen, archäologisch greifbaren Entwicklungen mit historisch zu rekonstruierenden, rasch wechselnden politischen und ethnischen Verhältnissen geht daher im Allgemeinen fehl. Nur zusammen ergeben alle diese Aspekte ein eingehenderes Bild der Vergangenheit, ohne allerdings das Ideal einer „histoire totale“ zu erreichen. Bleibt man sich der unterschiedlichen Aussagekraft der rschiedenen Quellengattungen bewußt, können durch ihre Kombination durchaus strukturelle Ursachen für politische Entwicklungen und ethnische Differenzierungen ermittelt werden.
Wenn sich auch die Fixierung auf die Frage, in wieweit sich „archäologische Kulturen“ und „ethnische Gruppen“ rbinden lassen könnten, als Sackgasse des nationalen Diskurses herausgestellt hat, so bleibt die Suche nach möglichen alternatin Erklärungen archäologischer Funde eine wichtige Aufgabe. Dabei kann es quellenbedingt nicht um ein globales Alternativ-modell gehen , denn die Entwicklung der Sachkultur ist nicht fest an andere kulturelle, soziale, wirtschaftliche oder politische Prozesse gebunden, sondern reflektiert diese allenfalls mittelbar. Deshalb ist jeder Einzelfall daraufhin zu befragen, welche Erklärung die jeweils größte Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann. Bieten sich für einen Sachrhalt mehrere Interpretationen an, so ist im Zweifel aus methodischer Vorsicht der geringeren, quellennäheren Interpretationsebene der Vorzug zu geben, um nicht zuviel in die Sachgüter hineinzulesen.
Nicht selten werden mit ethnischen Bezeichnungen in der archäologischen Literatur auch kulturelle (oder gar strukturelle) Zusammen-hänge beschrieben, d. h. unzutreffende Begriffe bzw. Kategorien rwandt. Nicht „ethnische“ Zugehörigkeit, sondern sozialer Rang und sozialer Status bildeten die zentralen Probleme der einstigen Lebenswirklichkeit und waren damit relevant für kollekti Identitäten ; diesen ist durch die sozialgeschichtliche Analyse der archäologischen Quellen tatsächlich näherzukommen – z. B. lassen sich soziale Gruppen in Ansätzen in ihrer Selbstdarstellung (im Grab) beschreiben.