AUS DEN BUCOLICA
l. Erste Ekloge
M. Tityrus, du liegst zurückgelehnt unter dem Laubdach einer breitästigen Buche und übst auf der dünnen Rohrpfeife ein Lied vom Walde; wir aber verlassen das Gebiet und die lieben Fluren der Heimat. Wir werden aus der Heimat vertrieben; du, Tityrus, lässig (sitzend) im Schatten, lehrst die Wälder der, vom Namen der schönen Amaryllis zu widerhallen. (6) T. O Meliboeus, ein Gott hat uns diese Muse geschaffen. Denn er wird für mich immer ein Gott sein, seinen Altar wird oft ein zartes Lamm von unseren Stellen (mit seinem Blut) benetzen. Daß meine Rinder umherweiden, wie du siehst, und ich selbst auf der ländlichen Rohrpfeife dichten kann, was ich möchte, hat er mir erlaubt. (11) M. In der Tat, ich beneide dich nicht, ich wundere mich vielmehr: ringsum herrscht auf allen Feldern solches Kriegsgetümmel. Schau, nur mit Mühe treibe ich selbst meine Ziegen voran; diese da, (mein) Tityrus, schleppe ich auch kaum fort: Denn hier unter den dichten Haselstauden hat sie eben zwei Zicklein, die Hoffnung der Herde, geworfen und wehe! auf nacktem Felsen verlassen. (16) Oft hatten uns dieses Unheil vom Blitz getroffene Eichen vorausgesagt, ich erinnere mich - wenn unser Sinn nicht töricht gewesen wäre. Doch was für einer dein Gott ist, sag, Tityrus, uns! (19) T. Die Stadt, die man Rom nennt, Meliboeus, habe ich töricht geglaubt, sei gleich der unseren (hier), wohin wir Hirten oft die zarten Lämmer der Schafe hinabzutreiben gewohnt waren. Wußte ich doch, da8 so die Jungen den Hunden, so die Böcke den Muttertieren gleichen, so pflegte ich Großes mit Kleinem zu vergleichen. Sie aber trägt so hoch ihr Haupt erhoben Über andere Städte, wie es gewöhnlich 2ypressen tun zwischen biegsamen Büschen. (26) M. Und was für einen so wichtigen Grund, Rom zu sehen, hast du gehabt? T. Die Freiheit, die sich zwar spät, aber doch nach dem Trägen umsah, als bereits ziemlich weiß der Bart beim Scheren runterfiel, die sich dennoch (nach mir) umgesehen hat und lange Zeit danach gekommen ist, seitdem mich Amaryllis besitzt, Galatea mich verließ. (31) Denn - ich werde es dir nämlich gestehen – solange mich Galatea (bei sich) behielt, gab es weder eine Hoffnung auf Freiheit noch eine Sorge um den Spargroschen. Ob- wohl viel Schlachtvieh aus meinen Hürden hinausging und fetter Käse für die undankbare Stadt gepreßt wurde, kam ich niemals mit meiner Rechten, die schwer vom Geld war, nach Hause zurück. (36) M. Ich wunderte mich immer, warum du, Amaryllis, traurig die Götter anriefst, für wen du das Obst an seinem Baum hängen lie8est. Tityrus war weg von hier. Selbst die Pinien riefen nach dir, Tityrus, selbst die Quellen, selbst diese Bäume im Garten. (40) T. Was hätte ich tun sollen? Weder konnte ich anderswo aus dem Sklavenstand herauskommen, noch irgendwo so hilfreiche Götter erkennen. Hier sah ich jenen jungen Mann, Meliboeus, für den alljährlich zweimal je sechs Tage unsere Altäre rauchen. Hier gab erst er mir als Antragsteller Bescheid: ”Weidet wie früher die Rinder, ihr Burschen, und verwendet die Stiere zur Zucht.” (46) M. Gesegneter Greis, so wird dir dein Landgut erhalten bleiben und genug groß sein, wie sehr auch nackter Fels und Sumpf mit schlammiger Binse alle Weiden über- zieht: Nicht wird ungewohntes Futter die trächtigen Mutterschafe krank machen, und nicht wird böse Ansteckung des Nachbarviehs sie schwer treffen. (51) Gesegneter Greis, hier an vertrauten Flüssen und heiligen Quellen wirst du schattige Kühle aufsuchen; hier vorn Nachbarin aus wird dich wie schon immer eine Hecke aus Weidengebüsch, deren Blüten von hybläischen Bienen abgeweidet werden, oft mit sanftem Summen einladen, den Schlaf zu suchen; hier unten an einem hohen Felshang wird der Laubscherer (sein Lied) in die Lüfte singen, doch werden auch inzwischen nicht mit dem Gurren aufhören deine Lieblinge, die Holztauben, nicht wird aufhören zu klagen die Turteltaube aus luftiger Ulme. (59) T. Eher werden darum flinke Hirsche am Himmel weiden, und die Meere werden die Fische nackt am Strand zurücklassen, eher wird der Parther aus der Saone oder der Germane aus dem Tigris trinken, nachdem er sein Gebiet verlassen und das des anderen durchwandert hat, als daß sein Antlitz aus unserem Herzen schwindet. (64) M. Wir aber werden von hier gehen, die einen zu den durstigen Afrikanern, teils werden wir nach Skythien und zum kreideherumwirbelnden Oaxes kommen und zu den von der ganzen Welt völlig getrennten Britannen. Siehe ! Werde ich jemals nach langer Zeit mein heimatliches Land, der ärmlichen Hütte Giebel, aufgebaut aus Rasenstücken, hinter einigen Ähren - ich sehe (dann) mein Reich - bestaunen? (70) Ehrfurchtslos wird diese (meine) so gut bestellten Äcker ein Soldat besitzen, ein Barbar diese (meine) Saatfelder. Schau! Wozu hat die Zwietracht die armen Bürger verleitet! Für diese haben wir die Felder bestellt! Pfropfe jetzt, Meliboeus, die Birnbäume, setze in Reihen die Rebstöcke. Geht, einst glückliches Vieh, geht, meine Ziegen. Nicht mehr werde ich euch später, wenn ich in grüner Grotte (hingestreckt:) liege, in der Ferne im Gestrüpp am Felsen hängend sehen; keine Lieder werde ich mehr singen; nicht mehr werde ich euch weiden, ihr Ziegen, wenn ihr blühenden Klee rupft und bittere Weiden. (79) T. Dennoch könntest du hier mit mir diese Nacht auf grünem Laub ausruhen: wir haben reifes Obst, weiche Kastanien und frischen Käse in Fülle, auch steigt schon in der Ferne der Rauch vom First der Gehöfte auf, und größer fallen von den hohen Bergen die Schatten. 35626znb61rmq5l
2. Vierte Ekloge
Siziliens Musen, laßt uns etwas Erhabeneres singen! Nicht alle erfreuen Buschwerk und niedrig wachsende Tamarisken. Wenn wir von Wäldern singen, mögen die Wälder würdig eines Konsuls sein. Das letzte Zeitalter (nach dem) Orakelspruch von Curnae ist jetzt da; eine große Reihe von Zeitaltern entsteht von neuem. (6) Jetzt kehrt auch die Jungfrau zurück, kehrt die Herrschaft des Saturn zurück, jetzt wird eine neue Nachkommenschaft vom hohen Himmel herabgesandt. Sei du nur der Geburt des Knaben, mit dem das eiserne Geschlecht aufhören und auf der ganzen Welt das goldene sich erheben wird, reine Lucina, gnädig gesinnt: jetzt regiert dein (Bruder) Apollo. (11) Und unter dir wird gerade diese Herrlichkeit der Zeit, unter dir als Konsul wird sie beginnen, Pollio, und es werden die großen Monate ihren Lauf zu nehmen anfangen; unter deiner Führung - sollten noch welche Spuren unseres Verbrechens da sein – werden sie zunichte gemacht und die Länder von ewigem Schrecken erlösen. (15) Jener wird ein Leben von Göttern empfangen und die Helden mit den Göttern vereinigt schauen und selbst von jenen geschaut werden, und er wird die mit den Tugenden des Vaters befriedete Welt regieren. Doch dir, Knabe, wird die Mutter Erde als erste kleine Gaben, die nicht gepflanzt wurden, kriechende Efeuranken ringsherum zusammen mit Baldrian und Wasserrosen, vermischt mit prangendem Bärenklau, streuen; ja sogar die Wiege wird dir liebliche Blumen streuen. (22) Von selbst werden die Ziegen die von Milch prall gefüllten Euter nach Hause bringen, auch wird das Herdenvieh nicht (mehr) die großen Löwen fürchten; untergehen wird auch die Schlange, und das ihr Gift verbergende Kraut wird untergehen; überall wird assyrischer Balsam wachsen. (26) Doch sobald du erst von den Ruhmestaten der Helden und den Taten des Vaters lesen und erkennen wirst können, was Tugend sei, wird allmählich das Feld von zartwogenden Ähren gelb werden, und die rote Traube wird auf wildwachsenden Dornsträuchern hängen, und die harten Eichen werden Honig wie Tau ausschwitzen. (31) Wenige Spuren des alten Frevels werden aber noch vorhanden sein, die das Meer mit Schiffen erstmals befahren, die mit Mauern die Kleinstädte umgürten und die in die Erde Furchen ziehen heißen. Einen anderen Tiphys wird es dann geben und eine andere Argo, damit sie auserwählte Helden führe, es wird auch wiederum Kriege geben, und zum zweitenmal wird nach Troia ein großer Achilles geschickt werden. (37) Sobald dich das bereits gefestigte Alter zum Mann gemacht hat, dann wird der Seefahrer von selbst vom Meer entweichen, nicht wird das Schiff aus Fichtenholz Waren eintauschen; jedes Land wird alles bringen. (40) Nicht wird der Boden die Hauen ertragen müssen, nicht mehr der Weingarten das Winzermesser, jetzt wird auch der kräftige Pflüger den Stieren die Joche abnehmen. Auch wird die Wolle nicht mehr lernen, bunte Farben vorzutäuschen, sondern von selbst wird (schon) auf den Wiesen der Widder sein Vlies bald mit safrangelbem Wau wechseln; ganz von selbst wird Scharlachrot die weidenden Lämmer färben. (46) ”Solche Zeitalter läßt ablaufen”, sagten zu ihren Spindeln die im festen Willen der Geschicke einträchtigen Parzen. Tritt an, oh, die großen Ehren - bald wird die Zeit da sein –, teurer Sproß der Götter, großer Zuwachs Iuppiters! (40) Sieh das in der Last seiner Wölbung schwankende Weltall, die Länder, die Weite des Meeres und den hohen Himmel; sieh, wie sich alles über das kommende Zeitalter freut! Oh, verbliebe mir dann der letzte Teil des langen Lebens und wieviel Atem nötig ist, um deine Taten zu besingen! (55) Nein, im Gesang könnte mich weder der Thrakier Orpheus noch Linos besiegen, mag jenem die Mutter und diesem der Vater beistehen, dem Orpheus die Kalliopea, dem Linos der schöne Apollon. Pan sogar, würde er mit mir vor dem Richter Arkadien streiten, Pan sogar müßte vor dem Richter Arkadien sagen, er sei besiegt. (60) Fange an, kleiner Knabe, mit Lächeln die Mutter zu erkennen (der Mutter brachten die zehn Monate lange Beschwerden), fange an, kleiner Knabe: wer nicht seiner Mutter zugelächelt hat, den hat weder ein Gott seines Tisches, noch eine Göttin ihres Lagers für würdig erachtet. nm626z5361rmmq
AUS DER AENEIS
TEIL I
Szenen aus dem Sagenkreis um AENEAS
3. Proömium und Seesturm
Waffen(taten) und den Mann besinge ich, der am Anfang von Troias Küsten, durch das Schicksal flüchtig, nach Italien und an Laviniums Gestade kam; viel wurde er in Ländern und auf hoher See hin und her geworfen durch die Macht der Götter wegen des unversöhnlichen Zornes der erbitterten luno, viel erlitt er auch noch im Krieg, bis es ihm gelang, seine Stadt zu gründen und seine Götter nach Latium zu bringen; von dort (stammten) das Latinergeschlecht und die Väter von Alba (Longa) sowie die hochragenden Mauern Roms. Muse, berichte mir die Gründe, durch welche Verletzung ihres göttlichen Willens oder durch welche Erbitterung die Königin der Götter den durch seine Pflichttreue ausgezeichneten Mann veranlaßte, so viele Unglücksfälle immer wieder zu erleben und so viele Mühen auf sich zu nehmen. Kennen himmlische Herzen solch großen Zorn ? (12) Es war einmal eine alte Stadt (Siedler aus Tyros bewohnten sie), Karthago, gegenüber Italien und der weit entfernten Tibermündung, reich an Macht und überaus wild an Kriegslust, (15) welche Iuno als einziges (Land) mehr als alle Länder - Samos wurde danach gereiht geliebt haben soll. Hier waren ihre Waffen, hier ihr Streitwagen; daß es die Königsherrschaft über die Völker sei, wenn es die Schicksalssprüche irgendwie zuließen, hegt schon damals die Göttin den heftigen Wunsch. (19) Aber freilich hatte sie gehört, daß sich eine Nachkommenschaft von troianischem Blut herleite, die einst die tyrischen Burgen zerstören sollte; von dort werde ein Volk, weithin herrschend und stolz im Krieg, zu Libyens Sturz kommen; so verhängten es die Parzen. Das fürchtete die Tochter des Saturn und dachte an den früheren Krieg, den sie allen voran vor Troia für ihr liebes Argos geführt hatte - (25) noch immer nicht waren die Gründe des Zornes und die rasenden Schmerzen ihrem Gedächtnis entschwunden; es bleibt, tief im Herzen verwahrt, das Urteil des Paris, die Beleidigung über die verachtete Schönheit, das verhaßte Geschlecht und die Ehrungen des entführten Ganymedes: (29) dadurch war sie überdies aufgebracht und suchte die auf dem ganzen Meer hin und her getriebenen Troer, die von den Danaern und dem grausamen Achilles übriggelassen worden waren, lange von Latium fernzuhalten, und viele Jahre hindurch irrten sie, vom Schicksal getrieben, um alle Meere. So große Mühe kostete es, das römische Volk zu gründen. (34) Kaum (waren sie) aus dem Gesichtskreis des sizilischen Landes und wollten frohen Sinns die Segel auf die hohe See hinaus setzen und die Schaumkämme des Meeres mit dem (bronzebeschlagenen) Schiffskiel aufwühlen, als luno, die ewige Wunde tief in der Brust bewahrend, dies bei sich (hin und her überlegte): ”Ich sollte besiegt von meinen Vorgaben Abstand nehmen und den König der Teukrer von Italien nicht vertreiben können! (39) Freilich wird es mir von den Schicksalssprüchen verboten. Konnte nicht Pallas (Athene) die Flotte der Argiver verbrennen und sie selbst im Meer versenken wegen der frevelhaften Raserei eines einzigen, des Aias, des Sohnes des Oileus? Sie schleuderte das zerreißende Feuer Iuppiters aus den Wolken und zersprengte die Schiffe und wühlte durch Winde die Meere auf, jenen (aber), der aus durchbohrter Brust Flammen aushauchte, raffte sie mit einem Wirbelsturm hinweg und spießte ihn auf einer spitzen Klippe auf; (46) ich hingegen, die ich als Königin der Götter einherschreite und als Schwester und Gattin Iuppiters, ich führe mit einem einzigen Volk so viele Jahre Krieg. Und fleht jemand in Hinkunft das göttliche Walten der Iuno an oder wird demütig bittend Opfergaben auf die Altäre legen?” (50) Solches überlegte die Göttin bei sich in ihrem erregten Herzen und kam in die Heimat der Regenwolken, in Gebiete, voll von rasenden Südwinden, nach Aeolien. Hier beherrscht der König Aeolus in riesiger Höhle die kämpfenden Winde und die rauschenden Stürme mit seinem Befehl und bändigt sie mit Fesseln und Kerker. (55) Jene brausen empört mit großem Grollen des Berges rings um die Riegel; auf erhabener Burg sitzt Aeolus, hält das Szepter (in der Hand), besänftigt die Gemüter und mäßigt den Zorn. Täte er es nicht, könnten sie freilich Meere und Länder und den hohen Himmel wild mit sich reißen und durch die Lüfte fegen; (60) aber der allmächtige Vater hat sie in dunkle Höhlen eingeschlossen, weil er das fürchtete, und hat oben darauf noch die Masse hoher Berge gesetzt und (ihnen) einen König gegeben, der nach festgesetzter Abmachung sich darauf verstehen sollte, die Zügel sowohl anzuziehen, als auch auf Befehl locker zu lassen. An ihn richtete daraufhin 1uno demütig bittend folgende Worte: (65) ”Aeolus (denn dir gewährte der Vater der Götter und der König der Menschen, die Fluten zu besänftigen und durch Wind emporzuheben), ein mir feindliches Volk befährt das tyrrhenische Meer und trägt Ilion nach Italien und die besiegten Penaten. Jage Kraft den Winden ein und begrabe die Schiffe (in den Wogen), so daß sie versinken, oder treibe sie auseinander und zerstreue die Leiber auf dem Meer. (71) Ich habe zweimal sieben Nymphen von hervorragendem Körper(bau); welche von ihnen die schönste an Gestalt ist, Deiopea, sie will ich (mit dir) in dauerhafter Ehe verbinden und als Eigentum zusprechen, daß sie mit dir für solche Verdienste (von dir) alle die Jahre verbringe und dich durch eine schöne Nachkommenschaft zum Vater mache.” (76) Aeolus erwiderte dieses: ”Es ist deine Aufgabe, o Königin, zu überlegen, was du wünscht; ich habe die (heilige) Pflicht, deine Befehle zu erfüllen. Du verschaffst mir dieses mein bescheidenes Reich, du das Reich Juppiters, du gewährst mir, an den Mählern der Götter teilzunehmen, und du machst (mich) zum Herrn über Regenwolken und Stürme.” (81) Sowie das gesagt war, stieg er mit seinem umgekehrten Szepter den hohlen Berg auf die Seite; und wie in einem geschlossenen Heerzug, stürzen die Winde (dort), wo ein Ausgang geöffnet wurde, hervor und durchwehen im Wirbel die Länder. Schon haben sie sich aufs Meer gelegt und wühlen das ganze (Meer) vom tiefsten Grund auf, zugleich Eurus und Notus und der an Stürmen reiche Africus, und wälzen gewaltige Fluten zu den Küsten. (87) Es folgt darauf das Schreien der Männer und das Knarren der Taue; es entreißen plötzlich die Wolken den Himmel und das Tageslicht aus den Augen der Teukrer; auf dem Meer liegt finstere Nacht; (90) es erdröhnten die Pole, und von zahlreichen Blitzen zuckt der Himmel, und alles droht den Männern den augenblicklichen Tod an. (92) Sofort erstarren dem Aeneas die Glieder in eisigem Schrecken; er seufzt auf, streckt beide Handflächen zu den Sternen (empor) und ruft solche Worte mit (lauter) Stimme: ”O dreimal und viermal Glückliche, denen es zuteil war, vor den Augen der Väter unten an den hohen Mauern Troias den Tod zu erleiden! O Tapferster des Volkes der Danaer, Sohn des Tydeus! (97) Hätte nicht ich auf den ilischen Feldern hinsinken und durch deine Rechte dieses (mein) Leben aushauchen können, dort wo der grimmige Hektor vom Geschoß des Aeakiden tot daliegt, wo der gewaltige Sarpedon, wo der Simois so viele Schilde der Männer und Helme und Leichen von Helden fortreißt und unten in den Wellen (mit sich) wälzt!’ (102) Als er solche (Worte) ausstieß, peitscht ihm ein brausender Nordwindstoß von vorne das Segel und hebt die Fluten zu den Sternen. Es zerbrechen die Ruder, da dreht das Vorderdeck ab und gibt den Wogen die Breitseite (preis), es folgt mit mächtigem Schwall ein steiler Wasserberg nach. (106) Die einen hängen auf einem Wogenkamm, den anderen zeigt eine sich spaltende Woge den Erdboden zwischen den Fluten, es rast die Brandung im Sand. Drei (Schiffe) reißt der Notus fort und schleudert sie auf verborgene Felsen (die Italer nennen die Felsen, die mitten in den Fluten sind, Altäre, einen ungeheuren Felsrücken an der Meeresoberfläche), drei drängt der Eurus ab vom hohen Meer in die seichten Gewässer der Sandbänke - ein kläglicher Anblick - und stößt sie auf Untiefen und umgibt sie mit einem Wall aus Sand. (ll3) Eines, das die Lykier und den getreuen Orontes trug, trifft vor den Augen (des Aeneas) selbst eine ungeheure Sturzwoge von oben gegen das Heck: herausgeschleudert wird der Steuermann und wälzt sich vorwärts geneigt kopfüber, doch jenes (Schiff) treibt die Flut dreimal auf derselben Stelle rings im Kreis, und ein reißender Strudel verschlingt es im Meer. (118) Es erscheinen vereinzelt Schwimmer im weiten, sturmbewegten Meer, Geräte der Männer und Schiffsplanken und der troische Schatz in den Wogen. Jetzt hat das starke Schiff des Ilioneus, jetzt das des tapferen Achates und (das,) mit dem Abas und (das,) mit dem der hochbetagte Aletes fuhr, der Sturm überwältigt; infolge der gelockerten Fugen der Seiten nehmen alle das feindliche Meerwasser auf und bekommen durch die Spalten Risse (124) Indessen bemerkte Neptun, daß das Meer durch gro8es Tosen in Aufruhr gebracht wurde und der Sturm losgelassen war und die stehenden Gewässer vom tiefsten Grund zurückströmten; (da war er) heftig bewegt, erhob in friedlicher Ruhe sein Haupt über die Meeresoberfläche und schaute auf die hohe See hinaus. (128) Da sieht er, daß die Flotte des Aeneas auf dem ganzen Meer zerstreut war und die Troer von den Fluten und dem Einsturz des Himmels überwältigt waren; auch waren dem Bruder nicht verborgen geblieben die Listen und Zornesausbrüche der Iuno, er ruft den Eurus und den Zephyrus zu sich und spricht daraufhin folgendes: (132) ”Hat euch ein so großes Vertrauen auf eure Abkunft erfüllt? Wagt ihr Winde es schon, Himmel und Erde ohne meinen Willen (durcheinander) zu mischen und solche Wassermassen emporzuheben? Ich (werde) euch! Doch es ist wichtiger, die bewegten Fluten zu beruhigen. (136) Künftig werdet ihr mir Vergehen mit ungleicher Strafe büßen. Eilt schnell weg und sagt dies eurem Herrn: Nicht ihm sind die Herrschaft über das Meer und der schreckliche Dreizack, sondern mir durchs Los gegeben. Er besitzt die riesigen Klippen, eure Behausungen, Eurus; in seinem Palast dort möge Aeolus sich brüsten und den König spielen, indem er den Kerker der Winde verschlossen hält.” (142) So spricht er, und schneller als gesagt besänftigt er die bewegten Gewässer, verscheucht die zusammengeballten Wolken und bringt die Sonne zurück. Cymothoe und zugleich Triton, die sich anstemmen, stoßen die Schiffe vom spitzen Felsenriff herunter; er selbst hebt (sie) mit dem Dreizack (in die Höhe), öffnet weite Sandbänke, beruhigt die Meeresfläche und gleitet mit leichten Rändern über die Kämme der Wogen. (148) Und wie in einem großen Volk, wenn sich oft ein Aufruhr erhoben hat und der gemeine Pöbel in seinen Leidenschaften rast und schon Fackeln und Steine fliegen und die Wut die Waffen hergibt; wenn sie zufällig einen wegen seines Pflichtbewußtseins und seiner Verdienste angesehenen Mann erblickt haben, schweigen sie und stehen mit gespitzten Ohren da; (153) jener lenkt mit Worten die Gemüter und besänftigt die Herzen: So hat sich das ganze Tosen des Meeres gelegt, als der Vater über die Gewässer schaut, am heiteren Himmel einherfährt, die Pferde lenkt und im Flug dem rasch dahineilenden Wagen die Zügel schießen läßt.
4. Gas Gespräch zwischen Venus und Jupitter
Und schon war das Ende da, als Iuppiter vom höchsten Punkt des Himmels herunterblickte auf das von Segeln überflogene Meer, die (zu seinen Füßen) liegenden Länder und Küsten und die weithin (wohnenden) Völker, ohne weiteres (zu tun) am Scheitel des Himmels stehen blieb und seine Augen auf das Königreich Libyen richtete. (227) Und wie er solche Sorgen in seinem Herzen hin und her wälzte, da spricht ihn Venus ungewöhnlich traurig - und die glänzenden Augen waren von Tränen benetzt - an: ”Oh, der du die Geschicke der Menschen und Götter mit ewiggültigen Befehlen lenkst und (sie) durch den Blitz erschreckst, welchen Frevel konnte mein Aeneas, welchen konnten die Troer an dir begehen; nachdem sie so viele Verluste erlitten haben, wird ihnen wegen Italien der ganze Erdkreis verschlossen? (234) Von dort würden die Römer einst im Umlauf der Jahre entstehen, von dort die Anführer, vom neu entstandenen Blut des Teukrers, die das Meer, die alle Länder mit ihrer Macht beherrschen sollten – in der Tat hast du es versprochen; welche Meinung hat dich, Vater, umgestimmt ? (238) Damit wollte ich mich wenigstens über den Untergang Troias und das trauervolle Verderben hinwegtrösten, wenn ich das (gegenwärtige widrige Geschick mit dem (zukünftigen) aufwäge; nun verfolgt dasselbe Schicksal die Männer, die von so vielen Schicksalen getrieben wurden. Welches Ende der Mühen gewährst du, großer König? (242) Antenor konnte aus der Mitte der Schiffer entkommen und bis zu den illyrischen Buchten und ungefährdet zu dem innersten Königreich der Liburner vordringen und über die Quelle des Timavus hinauskommen, von wo (er) durch neun Schlünde mit ungeheurem Dröhnen des Berges sich wie ein hervor- brechendes Meer dahinwälzt und mit rauschendem Wogenschwall die Fluren überschwemmt. (247) Hier jedoch legte jener die Stadt Patavum und die Wohnsitze der Pataver an und gab dem Volk den Namen und hängte die Waffen von Troia auf, jetzt ruht er geborgen in stillem Frieden: Wir, deine Nachkommenschaft, denen du die Burg des Himmels (durch Zunicken) versprichst, werden nach dem Verlust der Schiffe (man kann es nicht sagen!) wegen des Zornes einer einzigen preisgegeben und weit von den Küsten Italiens ferngehalten. Ist das die Belohnung für die Frömmigkeit? So setzt du uns in die Herrschaft wieder ein?” (254) Ihr lächelte der Vater der Menschen und der Götter mit dem Blick zu, mit dem er den Himmel und die Unwetter aufheitert, küßte sanft den zarten Mund der Tochter und spricht daraufhin folgendes: ”Spar (dir) die Angst, Cytherea, unveränderlich bleiben dir die Geschicke der Deinen; sehen wirst du die Stadt und die versprochenen Mauern von Lavinium, und hoch empor bis zu den Sternen des Himmels wirst du den edlen Aeneas tragen; und nicht stimmt mich eine Meinung um. (261) Dieser wird dir (denn ich werde es dir gestehen, da dich ja diese Sorge beunruhigt ausführlicher, und aufrollend werde ich die Geheimnisse des Schicksals enthüllen) einen gewaltigen Krieg in Italien führen, wilde Völker zermalmen und Gesittung für die Menschen und Mauern errichten, (265) bis ihn der dritte Sommer über Latium herrschen gesehen hat und drei Winterlager für die unterworfenen Rutuler vorübergegangen sind. Doch der Knabe Ascanius, dem man nun den Beinamen Iulus beilegt (er war Ilus, solange die Staatsmacht Ilions in ihrer Herrschaft Bestand hatte), wird dreißig große Jahreskreise im Ablauf der Monate mit seiner Herrschermacht vollenden und das Königreich von der Residenz Lavinium verlegen und Alba Longa mit gewaltiger Macht gründen. (272) Hier wird man dann dreimal einhundert ganze Jahre herrschen unter dem Volk Hektors, bis llia, die Priesterin aus königlichem Geschlecht, von Mars schwanger, eine Zwillingsnachkommenschaft gebären wird. (275) Dann wird Romulus, im rötlichen Fell der säugenden Wölfin prangend, das Geschlecht fortpflanzen und die Mauern des Mars gründen und die Römer nach seinem Namen benennen. Diesen setze ich weder Grenzen der Macht noch Zeiten: (279) eine Herrschaft ohne Ende habe ich gegeben. 3a, sogar die strenge Iuno, die jetzt das Meer und die Länder und den Himmel in Schrecken versetz t, wird ihre Pläne zum Besseren wenden und mit mir die Römer begünstigen, die Herren der Welt und das mit der Toga bekleidete Volk. (283) So ist es beschlossen. Es wird im Dahingleiten der Jahrfünfte eine Zeit kommen, da das Haus des Assaracus Phthia und das berühmte Mykene in Knechtschaft unterdrücken und über das besiegte Argos herrschen wird. (286) Geboren wird von edler Abstammung der Troianer Caesar werden, Iulius, damit er das Reich mit dem Ozean und den Ruhm mit den Sternen begrenze, sein Name (ist) vom großen Iulus hergeleitet. Ihn, mit Beutestücken des Orients beladen, wirst du sorgenfrei einst im Himmel empfangen; auch dieser wird in Gebeten angerufen werden. (291) Dann wer- den die rauhen Jahrhunderte, nachdem die Kriege beigelegt sind, friedlich werden: die altehrwürdige Fides und Vesta, Quirinus zusammen mit seinem Bruder Remus werden des Rechts walten; die durch Eisen und festes Gefüge grausigen Türen des Krieges werden geschlossen werden; drinnen wird der ruchlose Wahnsinn oben auf den schrecklichen Waffen sitzen und, (die Hände) mit hundert ehernen Fesseln hinten am Rücken gefesselt, wird er schaurig mit blutigem Mund toben.” (297) Dieses sagt er, und daß die des Schicksals unkundige Dido (sie) nicht von ihrem Land abwehre, schickt er den Sohn der Maia vom hohen Himmel herab, daß die Länder und die Burgen des neuen Karthago den Teukrern gastlich offenstünden. Jener fliegt durch die weite Luft mit Hilfe des Ruderwerkes seiner Flügel und bleibt dann schnell an den Küsten Libyens stehen. Und gleich führt er den Befehl aus, und die Punier geben ihre wilde Gesinnung auf, da ein Gott (es) will; vor allem die Königin bekommt eine friedfertige Stimmung gegenüber den Teukrern und einen gütigen Sinn.
5. Das Trojanische Pferd
Alle verstummten und hielten gespannt ihre Blicke (auf ihn) gerichtet; darauf begann der Vater Aeneas vom hohen Lager folgendermaßen: ”Unsäglichen Schmerz heißt du, Königin, (mich) erneuern, wie die Danaer die Macht Troias und das beklagenswerte Königreich zerstörten, sowohl das übergroße Elend, das ich selbst gesehen habe, als auch das, an dem ich gro0en Anteil hatte. Wer von den Myrmidonen oder Dolopern oder welcher Soldat des hartherzigen Odysseus könnte sich, wenn er solches erzählte, der Tränen enthalten? Und schon stürzt die feuchte Nacht vom Himmel, und die sinkenden Sterne laden zum Schlaf ein. (l0) Aber wenn du ein so großes Verlangen hast, unsere Unglücksfälle kennenzulernen und in Kürze die letzte Mühsal Troias zu hören, will ich, obwohl mein Herz schaudert, sich (daran) zu erinnern, und (deshalb) in Trauer (davor) zurückgeschreckt ist, beginnen. Geschwächt durch den Krieg und durch die Schicksalssprüche zurückgestoßen, während schon so viele Jahre dahingleiten, bauen die Anführer der Danaer ein Pferd so groß wie ein Berg, mit Hilfe der göttlichen Kunst der Pallas, und verkleiden mit Brettern aus Tannenholz die Rippen; es sei für die Rückkehr gelobt worden, geben sie vor; das ist das Gerede, das sich verbreitet. (18) Hier hinein schließen sie nach dem Los heimlich erlesene Helden, in die dunkle Flanke (des Pferdes), und füllen die ungeheuren Höhlungen des Bauches gänzlich mit bewaffneten Soldaten. (21) Da gibt es im Gesichtskreis (von Troia) Tenedos, eine wegen ihres Rufes sehr bekannte Insel, reich an Schätzen, solange des Priamos Reich bestand, jetzt (ist sie) nur eine Bucht und ein wenig zuverlässiger Ankerplatz für Schiffe: dort- hin fuhren sie hinaus und verbergen sich am verlassenen Strand; wir glaubten, sie wären weggefahren und hätten mit günstigem Wind Mykene angesteuert. (26) Daher fühlte sich ganz Teucria von langer Furcht befreit; es öffnen sich die Tore, und es freut (uns) zu gehen und das dorische Lager und die aufgegebenen Stellungen zu sehen und den verlassenen Strand. Hier lagerte die Schar der Doioper, hier der grimmige Achilles; hier (war) der Platz für die Flotten, hier kämpften sie gewöhnlich in der Schlachtreihe. 31) Ein Teil bestaunt das verderbenbringende Geschenk für die Jungfrau Minerva, und sie bewundern den Riesenbau des Pferdes. Und als erster fordert sie Thymoetes auf, (es) innerhalb der Mauern zu ziehen und in der Burg aufzustellen, sei es aus Arglist, sei es, daß es schon Troias Schicksal so fügte. (35) Doch Capys und die, deren Sinn eine bessere Einsicht hatte, heißen das Trugwerk der Danaer und die verdächtigen Geschenke ins Meer zu werfen oder mit darunter gelegten Flammen zu verbrennen oder die hohlen Verstecke des Bauches zu durch- bohren und zu durchforschen. Es spaltet sich das unschlüssige Volk in gegenteilige Wünsche. (40) Da läuft als erster vor allen (anderen) mit einer großen Schar von Begleitern Laokoon, (vor Erregung) brennend, von der Höhe der Burg herab und (ruft schon) von fern: ’O ihr Elenden, was (ist das) für ein großer Wahnsinn, ihr Bürger? Glaubt ihr, die Feinde sind schon weggefahren? Oder meint ihr, irgendwelche Geschenke der Danaer sind frei von Listen? Ist (euch) so Odysseus bekannt? (45) Entweder halten sich in diesem Holzbau eingeschlossen Achter verborgen, oder das ist ein Kriegsgerät, gebaut gegen unsere Mauern, um auf (unsere) Häuser zu blicken und von oben herab über (unsere) Stadt zu kommen, oder es ist irgendein anderer Trug verborgen; traut nicht dem Pferd, Teukrer. Was es auch immer ist, ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen.'(50) So sprach er und schleuderte mit starken Kräften die riesige Lanze in die Flanke und in den Bauch mit seinem gewölbten Gefüge. Jene blieb zitternd stecken, und in dem widerhallenden Bauch ertönten die hohlen Höhlen und gaben ein Ächzen (von sich). (54) Doch wenn die Geschicke der Götter nicht ungünstig, wenn der Sinn (der Troianer) nicht betört gewesen wäre, hätte (Laokoon die Troianer) bewogen, mit dem Eisen das argolische Versteck zu zerstören, und Troia stünde noch jetzt, und du, hohe Burg des Priamos, dauertest fort.”
6. Der Tod des Laokoon
Laokoon, durch das (gezogene) Los zum Priester für Neptun bestimmt, war gerade dabei, an den festlichen Altären einen ungeheuren Stier zu schlachten. Siehe aber, da legt sich von Tenedos her durch die ruhige See (es schaudert mich, wenn ich davon berichte) ein Schlangenpaar in ungeheuren Windungen aufs Meer und strebt gleichzeitig der Küste zu; (206) ihre Brüste sind zwischen den Fluten aufgerichtet, und ihre blutroten Kämme ragen über die Wellen empor, der übrige Teil (des Körpers) streift hinten über das Meer und windet den Rücken in ungeheuren Krümmungen. Es entsteht ein Rauschen durch die schäumende See; und schon erreichten sie die Gestade, und die glühenden Augen von Blut und Feuer unterlaufen, leckten sie mit zuckenden Zungen ihre zischenden Mäuler. (212) Wir fliehen auseinander, vom Anblick bleich. Jene greifen zielsicher Laokoon an; und zuerst umfaßt jede der beiden Schlangen die kleinen Körper der zwei Söhne und umstrickt sie und verzehrt mit Bissen die armen Glieder; dann ergreifen sie ihn selbst, der zu Hilfe herbeieilt und (Wurf-) Waffen bringt, und umschlingen ihn mit riesigen Windungen; und schon haben sie ihn zweimal in der Mitte umfaßt, zweimal haben sie ihre schuppigen. Rücken um seinen Hals gelegt und ragen mit den Köpfen und den hohen Nacken empor. (220) Jener bemüht sich, zugleich mit den Händen die Knoten zu zerreißen, seine Priesterinnen sind übergossen mit Geifer und schwarzem Gift, zugleich er hebt er ein schauriges Jammergeschrei, wie das Brüllen (ist), wenn ein verwundeter Stier vom Altar geflohen ist und das unsicher geführte Beil von seinem Nacken abgeschüttelt hat. (225) Doch die beiden Schlangen entfliehen gleitend zum Tempel hoch oben (auf der Burg), wenden sich zu der Burg der grimmigen Tritonis und verbergen sich unter den Füßen der Göttin und unter der Wölbung des Schildes. Da dringt vollends allen ein neuer Schrecken durch die zitternden Herzen, und man berichtet, Laokoon habe sein Verbrechen abgebüßt, wie er es verdient habe, da er mit seinem Spieß den heiligen Holzbau verletzt und gegen den Rücken die verbrecherische Lanze geschleudert habe. (232) Man müsse das Bildnis zu ihrem Sitz führen und die große Macht der Göttin anflehen, schreien alle zusammen. Wir reißen die Mauern ein und öffnen das Bollwerk der Stadt. Alle machen sich ans Werk und schieben unter die Füße gleitende Räder und legen hanfene Stricke an den Hals; es ersteigt das verhängnisvolle Kriegsgerät waffenschwanger die Mauern. Ringsherum singen Knaben und unverheiratete Mädchen heilige (Lieder) und freuen sich, das Seil mit der Hand zu berühren; (240) jenes (Kriegsgerät) rückt heran und gleitet drängend mitten in die Stadt hinein. O Heimat, o Haus der Götter, Ilion, und ihr durch den Krieg berühmten Mauern der Dardaniden! Viermal hielt es noch an der Schwelle des Tores an, und viermal gaben die Waffen im Bauch ein Klirren (von sich). 244) Wir bestehen dennoch darauf, nicht achtend und blind vor Raserei und stellen das unheilbringende Vorzeichen in der geheiligten Burg auf. Auch damals öffnet Kassandra mit Sprüchen über das künftiqe Schicksal ihren Mund, dem auf Geheiß des Gottes von den Teukrern niemals geglaubt wurde. Wir Elenden, für welche doch jener Tag der letzte war, umwinden die Heiligtümer der Götter in der ganzen Stadt mit festlichem Laub. (250) Es dreht sich inzwischen der Himmel, und vom Ozean kommt die Nacht herauf und umhüllt mit großem Schatten Erde und Himmel und die Listen der Myrmidonen; (zur Ruhe) gelagert verstummten die Teukrer in der ganzen Stadt; Schlummer umfängt die ermüdeten Glieder. (254) Und schon fuhr das argivische Geschwader auf gerüsteten Schiffen von Tenedos her im freundlichen Schweigen des stillen Mondlichts und steuerte nach bekannten Gestaden, da gab das Schiff des Königs schon Feuerzeichen, und geschützt vom ungerechten Schicksal der Götter, lockert darauf Sinon heimlich die fichtenen Riegel und befreit die in den Bauch eingeschlossenen Danaer. Geöffnet gibt das Pferd jene ans Licht zurück, und froh kommen aus dem hohlen Holzbau die Anführer Thessandros und Sthenelos und der grimmige Odysseus, sie gleiten an einem heruntergeworfenen Seil (herab), Akamas, Thoas, der Peleusenkel, Neoptolemos und der Anführer Machaon und Menelaos und er selbst, der Urheber der List, Epeos. (265) Sie dringen in die von Schlaf und Wein begrabene Stadt ein; die Wachen werden niedergehauen, und (die Griechen) nehmen durch die offenstehenden Tore alle Gefährten auf und vereinigen die verbündeten Scharen.
7 Die Flucht aus dem brennenden Troia
”Wohlan denn, lieber Vater, setze dich auf unseren Nacken; ich selbst werde dich auf die Schultern nehmen, und nicht wird mich diese Last (da) bedrücken; wie es auch immer ausgeht, wir beide werden die eine und gemeinsame Gefahr, eine einzige Rettung haben. Mich begleite der kleine Iulus, und in einiger Entfernung möge die Gattin den Schritten folgen. (712) Ihr, Knechte, lenkt eure Aufmerksamkeit auf das, was ich sage. Wenn man aus der Stadt herauskommt, (liegen dort) ein Hügel und ein alter Tempel der verlassenen Ceres, und daneben (steht) eine alte Zypresse, die in der frommen Verehrung der Väter viele Jahre hindurch erhalten geblieben ist; zu diesem einen Platz werden wir aus verschiedenen Richtungen kommen. (717) Du, Vater, nimm die heiligen Geräte in (deine) Hand und die heimatlichen Penaten; daß ich, der ich aus dem so gewaltigen Krieg und aus frischem Gemetzel entkommen bin, (sie) berühre, ist Sünde, bis ich mich in einem rasch strömendem Fluß abwasche.” (721) Dies sprach ich und werfe über meine breiten Schultern und den gesenkte Nacken einen Mantel aus dem Fell eines gelbbraunen Löwen und lade mir die Last auf; an meine Rechte hat sich der kleine Iulus geschmiegt und folgt dem Vater nicht mit gleichen Schritten; (725) hinten folgt gleich die Gattin. Wir eilen durch schattige Gegenden, und mich, den früher keine geschleuderten Lanzen bewegten und auch nicht Griechen, die in feindlicher Schar zusammengeballt waren, erschrecken nun alle Bewegungen in der Luft, jedes Geräusch regt mich auf, der ich unruhig bin und zugleich um Begleiter und Last fürchte. (730) Und schon näherte ich mich den Toren (der Stadt) und meinte, den ganzen Weg zurückgelegt zu haben, als plötzlich ein zahlreiches Geräusch von Tritten an (meine) Ohren zu dringen schien; und mein Vater blickt durch das Dunkel nach vor und: ”Mein Sohn”, ruft er, ”flieh’, mein Sohn; sie kommen herbei. Funkelnde Schilde und blitzendes Erz nehme ich wahr.” (735) Hierauf entriß mir in meiner Aufregung eine feindliche Gottheit - ich weiß nicht, welche meinen Sinn, so daß ich verwirrt wurde. Denn während ich im Lauf in eine unwegsame Gegend gelangte und aus der bekannten Richtung der Straßen herauskam, ach: ob mir Armen die Gattin Creusa durch das Schicksal entrissen wurde und stehen blieb, ob sie sich in der Straße irrte oder ob sie fiel und sich (dann) niedersetzte, ist ungewiß; und später wurde sie nicht (mehr) unseren Augen wiedergegeben.
8. Die Erscheinung der Creusa
”Als ich (sie) suchte und durch die Häuser der Stadt ohne Ende (wie ein Rasender) dahineilte, da erschienen das unglückselige Bild und der Schatten der Creusa selbst vor meinen Augen und ein Schemen, größer, als ich sie gekannt hatte. Ich erstarrte, die Haare standen (mir) zu Berge, und die Stimme blieb im Hals stecken. (775) Dann sprach sie mich so an und nahm mir die Sorgen mit folgenden Worten: ”Was freut dich so sehr, dem unsinnigen Schmerz nachzuhängen, oh lieber Gemahl? Nicht ohne den Willen der Götter geschieht dies; es ist auch nicht Recht, daß du Creusa als (deine) Begleiterin von hier (mit)nimmst, noch gestattet es jener Herrscher des höchsten Olymps. (780) Eine lange Verbannung (mußt du auf dich nehmen,) und die weite Meeresfläche mußt du durchpflügen, und ins Land Hesperien wirst du kommen, wo der lydische Tiber zwischen fruchtbaren Fluren der Helden in sanfter Strömung (dahin-)fließt. Dort (stehen) dir ein glückverheißender Staat, ein Königreich und eine königliche Gattin bereit; wisch weg die Tränen um (deine) geliebte Creusa. (785) Nicht werde ich die stolzen Wohnsitze der Myrmidonen oder Doloper schauen oder hingehen, um griechischen Müttern als Sklavin zu dienen, ich, eine Nachkommin des Dardanus und Schwiegertochter der göttlichen Venus, sondern mich hält die große Mutter der Götter an diesen Gestaden fest. So lebe jetzt wohl und bewahre die Liebe zu unserem gemeinsamen Sohn.” (790) Sobald sie diese Worte gesagt hatte, weinte ich und wollte noch vieles sagen, doch sie verließ mich und verschwand in die dünnen Lüfte. Dreimal versuchte ich dort die Arme um ihren Hals zu legen, dreimal entfloh, vergeblich erhascht, das Schattenbild (meinen) Händen, gleich den leichten Winden und sehr ähnlich dem flüchtigen Schlaf. (795) So sehe ich erst am Ende der Nacht meine Gefährten wieder. Und hier entdecke ich voll Verwunderung, daß eine ungeheure Zahl von neuen Begleitern herbeigeströmt ist, Mütter und Männer, eine Schar, gesammelt für die Verbannung, ein bedauernswertes Volk. Von überallher kamen sie zusammen, mit Mut und Habe bereit zu gehen, in welche Länder auch immer ich sie übers Meer fortführen wollte. (801) Und schon erhob sich der Morgenstern über den Gipfelkämmen des Ida und führte den Tag herauf, und die Danaer hielten die Schwellen der Tore besetzt, und keine Hoffnung auf Hilfe ergab sich: Ich nahm davon Abstand, hob meinen Vater (auf die Schultern) und eilte zum Gebirge.”
9. Dido gesteht ihre Liebe zu Aeneas
Aber die Königin, schon längst verwundet von schwerem Liebeskummer, läßt ihre Wunde in ihrem Inneren größer werden und verzehrt sich in heimlicher Liebesglut. Häufig kehrt die Tapferkeit des Mannes und häufig die Ehre seiner Verwandtschaft in ihren Sinn zurück; es haften in ihr Herz eingeprägt seine Blicke und seine Worte, und nicht vergönnt die Sorge den Gliedern eine friedliche Ruhe. Die nächste Morgenröte erhellte mit dem Licht des Phoebus die Länder und hatte den (tau)feuchten Schatten vom Himmel entfernt, als die Liebeskranke so ihre einmütige Schwester anredet: ”Schwester Anna, welche Traumbilder erschrecken mich Schwankende! Was für ein ungewohnter Fremdling hat sich hier unserem Wohnsitz genähert, wie zeigt sich seine edle Haltung im Antlitz, wie tapfer ist sein Herz und sind seine Waffen(taten)! (12) Ich glaube fürwahr, und nicht ist meine Zuversicht trügerisch, daß er ein Nachkomme der Götter ist. Unedle Seelen verrät die Angst. Ach, von welch großen Schicksalsschlägen wurde er umhergeworfen! Von welch überstanden Kriegen erzählte er! Wenn es mir nicht fest und unerschütterlich in (meinem) Herzen säße, mich mit keinem (Mann) durch ein eheliches Band vereinigen zu wollen, nachdem mich die erste Liebe durch den Tod (des Gatten) betrogen und getäuscht hat; (18) wenn ich nicht große Abscheu vor dem Brautbett und der Hochzeitsfackel gehabt hätte, dann hätte ich vielleicht dieser einen Schuld erliegen können. Anna (denn ich will es dir gestehen), seit dem Tod des armen Gatten Sychaeus und seitdem die Penaten durch die Mordtat des Bruders (mit Blut) befleckt worden waren, hat (nur) dieser allein meine Sinne gerührt und mein Herz zum Wanken gebracht. Ich erkenne die Spuren der alten Liebesglut. (24) Aber ich wünschte, eher möge sich mir die Erde tief unten klaffend auftun oder der allmächtige Vater mit seinem Blitz mich zu den Schatten schleudern, zu den bleichen Schatten im Erebos und in die tiefe Nacht, bevor ich dich, Ehrgefühl, verletze oder deine Gesetze breche. Er, der als erster mich mit sich verband, hat meine Liebe (in die Unterwelt) mitgenommen; er möge sie bei sich behalten und in seinem Grab behüten.” So sprach sie und füllte den Gewandbausch mit hervorgequollenen Tränen.
10. Dido und Aeneas in der Grotte; Fama
Inzwischen beginnt der Himmel unter großem Grollen in Aufruhr zu geraten, es folgt darauf ein Regengu8, gemischt mit Hagel, und die tyrischen Begleiter und die troianische Jugend und der dardanische Enkel der Venus suchten aus Furcht rings auf den Feldern verstreute Unterstände auf; von den Bergen stürzen Ströme. (165) In dieselbe Höhle gelangen Dido und der troianische Anführer. Zuerst geben sowohl Tellus als auch die Ehestifterin Iuno ein Zeichen; es erstrahlten Blitze und der Himmel, der Zeuge des Liebesbundes, und auf dem höchsten Gipfel heulten die Nymphen. (l69) Jener Tag war zuerst der Grund für ihren Tod und für ihre Leiden; denn weder durch Ansehen oder guten Ruf läßt sich Dido bewegen, noch sinnt sie mehr auf heimliche Liebe; sie nennt es Ehe, mit diesem Namen verbrämt sie ihre Schuld. (173) Sofort geht die Fama durch die großen Städte Libyens, die Fama, wie es nichts anderes Schnelleres gibt: durch ihre Beweglichkeit ist sie stark und gewinnt dazu (noch) Kräfte beim Gehen; klein ist sie anfangs aus Furcht, (doch) bald erhebt sie sich in die Lüfte und schreitet am Boden einher und verbirgt ihr Haupt zwischen den Wolken. (178) Jene hat die Mutter Erde, aus Zorn gegen die Götter erbittert, als letzte Schwester des Coeus und Enceladus geboren, so erzählt man, eine Schnellfüßige und von hurtigen Flügeln, ein schreckliches Monster, Ungeheuer, das, wieviele Federn es am Körper, so viele wachsame Augen darunter hat (man staunt, wenn man es sagt) und so viele Zungen, ebenso viele Mäuler zischeln, so viele Ohren stellt sie auf. (184) In der Nacht fliegt sie mitten zwischen Himmel und Erde, schwirrend im Dunkeln, auch schließt sie nie die Augen zu süßem Schlaf. Bei Tag sitzt sie als Wächterin entweder auf dem höchsten First eines Daches oder auf hohen Türmen und versetz t große Städte in Schrecken, ebenso festhaltend am Erdichteten und Verkehrten, wie (sie) eine Botin des Wahren (ist). (189) Sie erfüllte damals die Völker mit vielfachem Gerede, voll innerer Freude, und kündete in gleicher Weise von Geschehenem und Ungeschehenem: Aeneas sei gekommen, der von troianischem Blut abstammte, mit dem als Mann zu verbinden die schöne Dido geruhe; nun würden sie es sich einen Winter, wie lang er (auch sei), in Ausschweifung gut gehen lassen, vergessend ihre Königreiche und in schändlicher Leidenschaft gefangen.
11. Merkur mahnt Aeneas zur Abfahrt
Sofort fährt er ihn an: ”Du legst nun die Grundmauern des hohen Karthago und errichtest als Sklave deiner Frau die schöne Stadt? Ach, hast du (dein) Königreich und deine Aufgaben vergessen? Selber sendet mich zu dir vom lichten Olymp herab der Herrscher der Götter, der mit seiner Macht den Himmel und die Länder lenkt, (270) er selbst heißt (mich) diese Auf träge durch die schnellen Lüfte tragen: Was führst du im Schilde? Oder worauf hoffst du und vertust deine Zeit in den libyschen Landen? Wenn dich keine Ehre so großer Aufgaben bewegt [und selbst auch nicht für deinen eigenen Ruhm das mühevolle Werk bestehst], so beachte doch den heranwachsenden Ascanius und die Hoffnungen, die im Erben Iulus liegen, dem die Königsherrschaft über Italien und die römische Erde geschuldet wird.” Nachdem der Kyllenier solche Worte gesprochen hatte, entzog er sich mitten in seiner Rede den Blicken des Sterblichen und entschwand in die zarte Luft fern aus den Augen. (279) Aeneas aber verstummte in der Tat, durch den Anblick außer sich, vor Schrecken standen die Haare zu Berge, und die Stimme blieb in der Kehle stecken. Heiß begehrt er, fluchtartig wegzufahren und das süße Land zu verlassen, er ist wie vom Donner gerührt durch eine so bedeutende Mahnung und den Befehl der Götter. Ach, was sollte er tun? Mit welcher Anrede sollte er sich jetzt an die vor Zorn rasende Königin zu wenden wagen? Welchen Anfang sollte er zuerst auswählen? (285) Und bald faßt er diesen, bald jenen schnellen Entschluß und denkt rasch nach verschiedenen Richtungen und überlegt hin und her. Als er nun schwankte, schien ihm dieser Gedanke besser zu sein; Mnestheus und Sergestus ruft er und den tapferen Serestus, sie sollten die Flotte in aller Stille rüsten und Gefährten an der Küste sammeln. (29O) sie sollten die Schiffsgeräte herrichten und verheimlichen, was der Grund für die Veränderung der Lage sei; er werde inzwischen versuchen, da ja die beste Dido nichts wisse und hoffe, eine so große Liebesleidenschaft würde nicht zerbrechen, chen. zu ihr zu gehen, welche Zeit, [mit ihr] zu r eden, am günstigsten und welche Art und Weise für seine Absicht die beste wäre. Gar schnell gehorchen alle freudig seinem Befehl und führen seine Aufträge aus.
12. Die Auseinandersetzung zwischen Dido und Aeneas
Doch die Königin ahnte die Listen [wer könnte eine Liebende täuschen?] und er riet als erste die künftigen Veränderungen, sie war vor allem, selbst dem Sicheren, in Angst. Eben jene ruchlose Fama hinterbrachte der Rasenden, daß die Flotte ausgerüstet und die Abfahrt vorbereitet werde. (300) Besinnungslos tobt sie. und leidenschaftlich entbrannt durchstreift sie die ganze Stadt wie eine Bacchantin, die von den hervorgeholten Kultgegenständen in Leidenschaft versetzt worden ist, sobald mit dem Bacchusruf die (nächtlichen) orgiastischen Feiern, die jedes dritte Jahr wiederkehren, (sie) antreiben und der Kithairon (sie) in der Nacht mit Geschrei ruft. Schließlich spricht sie von selbst Aeneas mit folgenden Worten an: (305) ”Hast du auch noch gehofft, du Treuloser, ein so großes Verbrechen verheimlichen zu können und in aller Stille aus rneinem Land fortzugehen? Hält dich weder unsere Liebe noch die einst versprochene Treue noch der Gedanke, daß Dido eines grausamen Todes sterben wird, zurück? Ja, sogar zur Winterzeit rüstest du die Flotte (310) und beeilst dich , mitten in den Nordstürmen über die hohe See zu fahren, du Grausamer? Was (würdest du tun), wenn du nicht fremde Gegenden und unbekannte Häuser aufsuchtest und wenn das alte Tr oja (noch) stünde? Würde Troia über das wogenreiche Meer mit Flotten aufgesucht werden? Vor mir also fliehst du? Bei diesen (meinen) Tränen und deiner (mir gegebenen) Rechten bitte ich dich, (315) (weil ich mir Armen selbst nichts anderes mehr übriggelassen habe), bei unser em Ehebund, bei der begonnenen Hochzeit, wenn ich mich in irgendeiner Weise um dich verdient gemacht habe oder wenn dir von mir etwas Liebes widerfahren ist, erbarme dich des sinkenden Königshauses und gib, wenn (es) noch irgendeine Gelegenheit für Bitten (gibt), diese (deine) Absicht auf. (320) Deinetwegen hassen (mich) die Stämme Libyens und die Herrscher der Nomaden, (sind mir) die Tyrer feindlich gesinnt; auch nur deinetwegen (ist) das Schamgefühl ausgelöscht und der früher e gute Ruf, mit dem allein ich mich den Sternen näherte. Wem (zur Beute) läßt du mich Sterbende im Stich, Gastfreund (da nur diese Bezeichnung vom Gatten übrigbleibt)? (325) Wozu zögere ich? Etwa bis der Bruder Pyg-malion meine Mauern zerstöre oder der Gätuler Iarbas (mich) als Gefangene wegführe. Wenn ich wenigstens ein Kind von dir vor deiner Flucht bekommen hätte, wenn mir (nur) ein kleiner Aeneas im Hof spielte, der doch dein Ebenbild wäre, (330) (dann) fürwahr würde ich mich nicht als gänzlich betrogen und verlassen betrachten.” Sie hatte (dies) gesprochen. Jener hielt eingedenk der Ermahnungen Iuppiters die Augen unbewegt und unterdrückte standhaft sein Liebesleid tief im Herzen. Endlich erwidert er weniges: ”Ich werde niemals leugnen, daß du, Königin, dich um sehr viele Wohltaten (mir gegenüber), die du mit Worten aufzuzählen vermagst, verdient gemacht hast, noch wird es mir leid tun. an Elisa zu denken, solange ich denken kann, solange ein Atem diese (meine) Glieder bewegt. (337) Zur Sache möchte ich weniges sagen. Weder habe ich gehofft, diese (meine) Flucht heimlich zu ver bergen (nimm [das] nicht an), noch habe ich jemals Anspruch auf eine Ehe erhoben oder bin zu einem derartigen Bund gekommen. (340) Wenn das Schicksal mich nach meinen Wünschen das Leben führen und allein die Sorgen beruhigen ließe. würde ich zuerst für die Stadt Troia und die lieben Gräber der Meinen sorgen, die hohen Häuser des Priamos würden weiterbestehen, und mit eigener Hand hätte ich Pergama (als) neu erstehende (Burg) den Besiegten aufaerichtet. (345) So aber hat mir Apollo von Gryneion, haben mir die lykischen Orakelsprüche befohlen, in das große Italien, nach Italien zu eilen; dort ist die Liebe, dort die Heimat. Wenn dich als Phönikerin die Burgen Karthagos und der Anblick der libyschen Stadt festhält, warurn mißgönnst du dann den Teukrern, sich im ausonischen Land niederzulassen ? Auch wir haben ein Anrecht (darauf), ein Reich in der Ferne zu suchen. (351) Sooft die Nacht mit feuchten Schatten die Länder bedeckt, sooft sich die glühenden Sterne erheben, ermahnt und erschreckt mich im Schlaf das erregte Traumbild des Vaters Anchises. Mich (bewegt) der Knabe Ascanius und das an seinem teuren Haupt (begangenen) Unrecht, (355) den ich um die Herrschaft über Hesoerien und die vom Schicksal bestimmten Gefilde bringe. Nun hat mir auch der Götterbote, der von Iuppiter selbst gesandt wurde, - ich schwöre es bei (unseren) beiden Häuptern – Befehle durch die schnell dahintragenden Lüfte überbracht: ich selbst habe den Gott in hellem Licht durch die Mauern treten gesehen und seine Stimme mit meinen Ohren vernommen. (360) Hör‘ auf, mich und dich mit dienen Klagen zu quälen. Ich suche Italien freiwillig auf.” Während er solches sprach, blickt sie ihn schon lange von der Seite an, rollt ihre Augen hierhin und dorthin und mustert ihn zur Gänze mit schweigenden Augen und spricht erregt folgendes: (365) ”Nicht hast du eine Göttin zur Mutter, und nicht ist Dardanus der Ahnherr deines Geschlechts, du Treuloser, sondern dich zeugte der von harten Felsen starrende Kaukasus, und hyrkanische Tiger haben (dir) die Zitzen gereicht. Denn wozu verhehle ich (die Wahrheit) oder zu welch größerem (Unrecht) spare ich mich auf ? Hat er etwa über meine Tränen geseufzt ? Hat er etwa seine Augen (auf mich) hergewandt ? (370) Hat er etwa gerührt Tränen vergossen oder die Liebende bedauert ? Was soll ich wem vorziehen ? Nein; weder die größte Iuno noch der saturnische Vater schaut diesen Dingen mehr mit wohlwollenden Augen zu. Nirgends ist sichre Treue. Einen an die Küste Geworfenen, einen Bedürftigen habe ich aufgenommen und (ihm) töricht Anteil am Reich gegeben. (375) Die verlorene Flotte habe ich geborgen, seine Gefährten vor dem Tod gerettet (ach, vom Wahnsinn entflammt werde ich fortgerissen !): Jetzt auf einmal (ist) es der Seher Apoll, jetzt auf einmal (sind es) die lykischen Orakelsprüche, jetzt auf einmal bringt sogar der Götterbote, der von Iuppiter selbst gesandt wurde, die schrecklichen Befehle durch die Lüfte. Freilich, das ist die Aufgabe der Götter, diese Sorge stört ihre Ruhe. Weder halte ich dich, noch widerlege ich deine Worte (381) Geh‘, fahre nach Italien mit (günstigen) Winden, suche ein Reich über den Meereswellen. Ich hoffe allerdings, wenn die gerechten Götter etwas vermögen, daß (du) mitten auf den Klippen Qualen voll auskosten und Dido reuevoll beim Namen rufen wirst. Ich werde dir mit unheilvollen Flammen folgen, auch wenn ich fern bin, (385) und wenn (einmal) der kalte Tod die Glieder von der Seele getrennt hat, werde ich an allen Orten als Schatten anwesend sein. Du wirst, Ruchloser, Strafe büßen. Ich werde (davon) hören, und die Kunde davon wird zu mir in die tiefste Unterwelt gelangen.” Mit diesen Worten bricht sie inmitten ihrer Rede ab, eilt erschöpft ins Haus, entzieht sich seinen Blicken und eilt davon; (390) sie läßt ihn allein, der aus Angst zögert und sich anschickt, vieles zu sagen. Es fangen (sie) die Dienerinnen auf und bringen die zusammengesunkenen Glieder ins Marmorgemach und legen sie auf ihr Lager. Obwohl der pflichtgetreue Aeneas die Leidende mit Trost zu beschwichtigen und mit Worten ihre Sorgen abzuwenden wünscht, (395) seufzt er tief und führt dennoch, im Herzen erschüttert von großer Liebe, die Befehle er Götter aus und sieht nach der Flotte. [...] (437) Mit solchen Worten bat (sie), und solche Tränen bringt die ärmste Schwester hin und zurück. Er läßt sich aber von keiner Träne rühren oder ist auch nicht in milder Gesinnung empfänglich für irgendwelche Worte; (440) die Schicksalssprüche stehen entgegen, und ein Gott verschließt die sanften Ohren des Mannes. Und wie wenn die Nordstürme der Alpen untereinander streiten, durch ihr Blasen eine starke Eiche mit bejahrtem Stamm bald von hier, bald von dort ausreißen; ein Krachen geht (durch die Eiche), und hohes Laub bedeckt den Boden, nachdem der Stamm erschüttert worden ist; (445) sie selbst haftet noch an den Felsen, und genau so weit wie sie mit dem Wipfel nach den Lüften des Äthers strebt, so weit strebt sie mit der Wurzel in den Tartarus. Nicht anders wird der Held durch andauernde Worte von allen Seiten bestürmt, und er fühlt in seinem großen Herzen deutlich den Liebeskummer, sein Geist (aber) bleibt standhaft, vergebliche Tränen fließen.
13. Dido verflucht Aeneas
Und schon bestrahlte die erste Morgenröte mit neuem Licht die Länder, als sie das rötliche Lager des Thithonius verließ. (586) Sowie die Königin von der Warte aus der erste Tageslicht hell werden und die Flotte mit gleichgestellten Segeln fortfahren sah und merkte, daß die Küsten und die Häfen menschenleer (und) ohne (einen) Ruderer waren, da schlug sie sich dreimal und viermal (heftig) mit der Hand an die schöne Brust, raufte ihre blonden Haare und rief: ”Ach, Iuppiter, soll dieser Fremde gehen, nachdem er unsere Königsmacht verspottet hat ? (592) Wird man nicht die Waffen in Bereitschaft setzen und (ihm) aus der ganzen Stadt folgen, und werden nicht andre die Schiffe von den Werften reißen ? Geht, bringt schnell Fackeln (herbei), reicht Geschosse her, setzt die Ruder in Bewegung ! (595) Was rede ich da, oder wo bin ich ? Welch Wahnsinn verändert meinen Verstand ? Du unglückliche Dido, jetzt rühren dich ruchlose Taten ? Damals hätte es sich gehört, als du (ihm) das Zepter geben wolltest. Schau, der Handschlag und das Treueversprechen des Mannes, der, so sagt man, die heimatlichen Penaten mit sich trägt, der den vom Alter erschöpften Vater auf die Schultern genommen hat ! (600) Hätte ich nicht den Körper (des Aeneas) fortschleppen und zerreißen und in die Wellen verstreuen können ? Hätte ich nicht seine Gefährten, nicht (auch) Ascanius selbst mit dem Schwert töten und auf die Tische des Vaters zum Mahl vorsetzen können ? Doc